Heimatdienst-Informiert

 

Bei Bauarbeiten 500 Jahre altes Holzbauwerk entdeckt!

Bei Erdarbeiten im neuen Baugebiet am Sonnentauweg sind ca. 30 geschälte, offensichtlich alte Baumstämme sowie viele große Flyschsandsteine und vererzte Nummulitenkalksteine ausgebaggert und zu Haufen gelagert worden.

Bruecke-Sonnentau-Weg    

Bild 1: Zustand der Balken am 17.8.12          Bild 2: Geflammte Oberfläche der Balken

Aufmerksame, an der Baustelle vorbeigehende Sonthofer Bürger haben alte Bearbeitungsstellen von Äxten an den Stämmen festgestellt und den Heimatdienst Sonthofen benachrichtigt. Dieser wiederum hat dann die zuständige Fachbehörde beim Landratsamt Oberallgäu und die Stadtverwaltung informiert.

Bei einer sofortigen Fotodokumentation an der Baustelle stellte sich heraus, daß die Mitarbeiter der Baufirma weder den archäologischen Wert der Funde erkannten, noch sagen konnten, wie und wo die Stämme in der Baugrube genau gelegen waren. Inzwischen war bereits die Betonbodenplatte betoniert worden. Lediglich in der nordwestlichen Baugrubenböschung waren noch einige Stämme in ca. 2 m Tiefe im Urzustand sichtbar.

Bruecke-Sonnentauweg-Lager

Bild 3: Längsbalken, Durchmesser ca. 30 cm

Das Puzzle des ungeordneten Baumstammhaufens zu lösen war anfangs nicht möglich. Holzbaufachleute waren zuerst der Meinung, daß es sich um eine ganz einfache Brückenkonstruktion, eine Floßlände oder um eine wasserbaubezogene Bohlenwand handeln könnte. Die vorhandenen Bearbeitungsspuren passten alle nicht zu einer dieser eventuellen Holzkonstruktionen.

Ein erfahrener Wasserbauexperte aus Sonthofen fand schließlich bei einer Ortsbesichtigung heraus, um welche Holzkonstruktion es sich handelte: Ein "einseitiger Holzkasten", ein Holz-Steinbauwerk, das seit vielen Jahrhunderten im Flußbau verwendet wird. Sogar in der heutigen Zeit wird eine ähnliche Konstruktion, allerdings etwas modernisiert, bei Wildbachverbauungen verwendet.

Dieser "einseitige Holzkasten" war oberhalb der alten Zollbrücke nach Auskolkungen von Uferböschungen in Teilbereich sehr sinnvoll, um den Flußlauf wieder einigermaßen in die alte Richtung zu leiten. Die Iller floß damals im Sonthofer Bereich noch in vielen Einzelarmen. Nach Hochwasserereignissen haben sich die Flußläufe oft verändert. Daher mußte die wertvolle und gewinnbringende "Obere Zollbrücke" geschützt werden.

Die "Obere Zollbrücke" ist ca. 1475 über die Iller bei Rieden gebaut worden um Salz und Erztransporte schneller nach Blaichach, Immenstadt und in den Bodenseeraum zu bringen und war damals südlich von Kempten neben der "unteren Zollbrücke" in Immenstadt die zweite Brücke über die Iller.

Bruecke-Sonnentauweg-Lagerstein

Bild 4: Fixierungssteine des Holzkastens

Ein Dendrochronologe (Altersbestimmer) vom bayerischen Landesamt für Denkmalpflege hat inzwischen Holzproben entnommen und teilweise ausgewertet. Der älteste der gefundenen Bäume wuchs schon 114 Jahre vor der Entdeckung Amerikas in den Sonthofer Illerauen. Die Bäume wurden im Winterzeitraum 1489/90 gefällt und kurz danach in die Iller eingebaut. Es handelt sich demnach um ein einphasiges Bauwerk.

Hilfreich bei den ganzen Nachforschungen war das Sonthofer Stadtbuch "Sonthofen im Wandel der Geschichte". Darin sind interessante Dinge über die obere Zollbrücke bei Rieden und die damaligen Arbeiten in den Illerauen nachzulesen.

 Brueckenbalken

Bild 5: Untersuchung der Balken

Das Vermessungsamt in Immenstadt hat mit Erstvermessungskarten von 1819 und Karten der heutigen Bebauung entscheidende Hinweise für die archäologischen Arbeiten geliefert. Der Heimatdienst bedankt sich beim Bauträger, der die Kosten für die wissenschaftliche Freilegung der bisher nicht ausgegrabenen Baumstämme am Rand des nördlichen Arbeitsraumes übernommen hat. Bei den Arbeiten wurde dieser Bereich dokumentiert. Das gesamte Holzbauwerk wurde wahrscheinlich bei einer späteren Hochwasserkatastrophe mit ca. 70 cm Kies überschüttet.

Zur Zeit der Erstvermessung 1819 war bereits eine starke Humusdecke vorhanden und Sonthofer Bauern hatten hier Ackerflächen. Bei den Untersuchungen wurde auch festgestellt, daß die keilförmige Bearbeitung an einem Ende der Stämme nichts mit der Holzkonstruktion zu tun hatte, sondern sie zeigt die besondere Fällungsmethode der Bäume mit Beilen im 15. Jahrhundert.

 

Untersuchung

Bild 6: Ehepaar Patzelt und Uwe Brendler (Mitte) bei der Untersuchung

Für das Heimathaus Sonthofen wurden zwei besonders bearbeitete Baumstücke zurückbehalten. Mit den erzielten Ergebnissen über die Bodenfunde sind einige offene geschichtliche Fragen im Bereich der oberen Zollbrücke beantwortet worden.

Eine Bitte an alle, die für Erdarbeiten zuständig sind: Bodenfunde müssen sofort an die zuständige Denkmalbehörde beim Landratsamt gemeldet werden. Meist kann nach einer Fotodokumentation und Erstuntersuchungen an der Baustelle sehr schnell wieder weitergearbeitet werden. Es sind unwiederbringliche Verluste, wenn Bodenfunde aus früherer Zeit verlorengehen.

Uwe Brendler, Heimatdienst Sonthofen

 

 Fotos: U. Brendler / S. Kracker, Heimatdienst Sonthofen